Alle diese Veränderungen deuten darauf hin, dass dieser Hund eine Verlagerung der Kniescheibe hat, was in der Sprache der Veterinärmediziner als Patellaluxation bezeichnet wird.
Wenn man sich die Struktur des Kniegelenkes anschaut sieht man, dass es sich um ein besonders kompliziert aufgebautes Gelenk handelt. Nicht nur Scharnier- sondern auch leichte Drehbewegungen können in ihm ausgeführt werden. Damit dies möglich ist, sind im Kniegelenk mehr Strukturen zu finden als in anderen Gelenken.
So kann man zunächst einmal zwei verschiedene Gelenke unterscheiden, nämlich 1. das Kniekehl- und 2. das Kniescheibengelenk.
Die Inkongruenz (die Gelenkflächen passen nicht zusammen wie z.B. beim Hüftgelenk = kugeliger Gelenkkopf und tiefe, passende Pfanne) des Kniehkehlgelenkes, also des Gelenkes zwischen Oberschenkel und Schienbein, wird ausgeglichen durch zwei faserige, mandarinenförmige Knorpel, die Menisken, die gleichzeitig als Stoßdämpfer oder Puffer dienen. Diese Menisken sind untereinander aber auch mit dem Schienbein durch Meniskenbänder verankert. Das ganze Gelenk wird durch kräftige Bänder an der Außenseite aber auch im Innern (Kreuzbänder) stabilisiert. Und nicht zuletzt wird das gesamte Gelenk von einer straffen Gelenkkapsel umschlossen, die ebenfalls zur Stabilisation beiträgt.
Die Kniescheibe oder Patella ist ein Teil des Kniescheibengelenkes. Sie ist in der Endsehne eines der stärksten Muskeln, dem großen Oberschenkelmuskel oder Musculus quadrizeps, eingelagert und über diese Sehne am Schienbein angeheftet. Wird das Gelenk gebeugt, dient die Patella dazu, die Sehne in ihrer Funktion zu unterstützen und ein Abknicken zu verhindern. Zieht sich der Quadrizeps zusammen, wird das Kniekehlgelenk gestreckt. Bei diesen Bewegungen gleitet die Patella wie ein Schlitten in einer tiefen Rinne des unteren Abschnittes des Oberschenkelknochens auf und ab. Wenn nun die Patella diese Bahn, entweder nach innen (medial) oder nach außen (lateral) verläßt, nennt man das Patellaluxation.
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Die Ursachen für dieses Phänomen sind oft sehr komplexer Natur.
Die einfachste und natürlich nicht erbliche ist die äußere
Gewalteinwirkung. Es kommt zu einer starken Dehnung der Seitenbänder des
Gelenkes, die der Kniescheibe Halt geben, und manchmal sogar zu einer Zerreißung.
Wird die Zugrichtung der Sehne, in der die Patella eingelagert durch extreme
Bewegungen verändert – sie verläuft normalerweise gerade zur Gleitbahn der
Patella – wird die Kniescheibe aus ihrer Bahn herausrutschen.
Bei sogenannten X- oder O-Beinen, angeborene Fehlstellungen der Hintergliedmaße, ist die Zugrichtung der Patella bei Bewegungen des Kniegelenkes immer schräg zu ihrer Gleitbahn. Es kommt so zu einer Überlastung der Seitenbänder, die sich extrem dehnen. Bei O-Beinen springt daher die Patella häufig nach innen (medial) und bei X-Beinen nach außen (lateral) aus ihrer Bahn.
Bei kleineren Hunden ist die Rinne, in der die Patella hin und her gleitet häufig nicht tief genug ausgeformt. Diese Unterentwicklung alleine kann schon Ursache für eine Erkrankung sein. Häufig ist sie jedoch kombiniert mit einer Fehlstellung der Gliedmaße und durch Laxheit der anderen Bänder des Kniegelenkes hervorgerufene außergewöhnlich starke Drehbewegungen.
Mit fortschreitendem Alter werden die Bänder bei diesen
erblich bedingten Patellaluxation durch die dauernde Überbeanspruchung ihre
Festigkeit verlieren und die betroffenen Tiere bekommen mit den Jahren
zunehmende Probleme beim Laufen.
Die Patellaluxation wird in verschieden Ausprägungsgrade eingeteilt.
- Kann die Kniescheibe ihre Bahn nicht verlassen liegt Grad 0 vor.
- Bei Grad I springt sie spontan wieder in ihre Rille zurück. Die betroffenen Hunde zeigen bei diesem Ausprägungsgrad den typischen Hüpfschritt.
- Eine Einteilung in Grad II und Grad III wird vorgenommen, wenn die Kniescheibe zwar noch zurück verlagert werden kann, aber die Bewegungseinschränkungen zunehmen.
- Kann die Kniescheibe auch durch Manipulation des Untersuchers nicht mehr in ihre korrekte Position zurück verlagert werden, wird von Grad IV gesprochen. Hier bestehen so erhebliche Bewegungsstörungen, dass nur noch eine Operation dem Hund die Lebensfreude zurück bringen kann. Je nach Ursache müssen verschieden Operationsverfahren gewählt werden, auf die ich hier jedoch nicht näher eingehen möchte.
Zunächst muß eine exakte Diagnose gestellt werden. Hierzu führen besonders fortgebildete Tierärzte eine klinische Untersuchung durch, die ohne Betäubung oder Sedation durchgeführt werden muß.
Zunächst wird das Gangwerk des Hundes beurteilt. Schon am Gangbild läßt sich erkennen, ob die oben beschriebene X- oder O-Stellung der Gliedmaße vorhanden ist. Anschließend wird das Kniegelenk und hier insbesondere die Kniescheibe abgetastet, wobei darauf geachtet wird, ob sich die Patella in ihrer Gleitbahn befindet. Durch Druck auf die Patella und Drehung des Unterschenkels gegen den Oberschenkel in gebeugter und gestreckter Haltung wird dann versucht, die Kniescheibe aktiv aus ihrer Rinne heraus zu bewegen. Je nach Befund erfolgt dann eine Einteilung des Ausprägungsgrades wie oben beschrieben.
Ziel sollte es sein, verpflichtende Untersuchungen, die nach einem einheitlichen Untersuchungsschema durchgeführt werden, zu etablieren. So können erkrankte Tiere – ähnlich den zuchthygienischen Maßnahmen bei der Bekämpfung der HD – ab einem bestimmten Ausprägungsgrad aus der Zucht genommen werden. Hunde mit PL 0 und 1 dürfen in der Zucht eingesetzt werden, während Hunde mit dem Ausprägungsgrad 2 und schlechter grundsätzlich von der Zucht auszuschließen sind. Langfristig könnte auf diese Weise die erblich bedingte Patellaluxation ausgemerzt werden.
TÄ’in
Katharina Bottenberg
Nordhorner
Str. 14
D-49835
Wietmarschen-Lohne